Mein Name ist

Deutschkurs in Berlin Kreuzberg

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Deutsch Sprachschule Berlin

Mein Name ist Manuela Bianchini

und seit fast fünf Jahren lebe ich schon hier in Berlin. Geboren bin ich in einer kleinen Stadt im Norden Italiens. In jeder Hinsicht ein schönes Fleckchen Erde, wunderbar romantisch und antik, aber ebenso verschlafen und langweilig. Deshalb habe ich eines Tages meine Koffer gepackt, um mein persönliches und berufliches Glück in der weiten Welt zu finden. Und da bin ich jetzt: in Berlin Kreuzberg. Für mich derzeit der beste Ort zum Leben, Arbeiten und Lieben…

Ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem ich beschloss meiner Heimat Lebewohl zu sagen. Ich hatte deshalb eine wahnsinnig heftige Diskussion mit meiner Schwester, die mir vorwarf meine Familie und mein Land im Stich zu lassen. Von wegen! Seit Jahren habe ich nichts anderes getan, als mich um meinen Vater und meine Schwester zu kümmern. Und mein Land? Das konnte sicherlich auch gut eine Weile auf mich verzichten.
Es war im September und seit diesem Tag, hatte ich sehr wenig und teilweise auch gar keinen Kontakt mit meiner Schwester. Deshalb war ich auch total überrascht , als sie mich vor vier Wochen anrief, um mir zu sagen, dass sie mich gern in Berlin besuchen möchte. Wow! Ein Wunder dachte ich!
Jetzt bin ich total aus dem Häuschen! Es gibt ja so viel zu erzählen! Und was soll ich ihr alles zeigen oder besser, was muss sie gesehen haben?
Hoffentlich gefällt ihr Berlin! Es wäre so wichtig für mich, dass sie mich wenigstens ein bißchen verstehen kann; jetzt nach all der Zeit.
Aber ganz ruhig Manu… in Berlin wurden ja schon ganz andere Wiedervereinigungen gefeiert.

Gestern Abend war ich mit einer deutschen Bekannten zur Jazz Jam Session im Edelweis. Das Café ist im Görlitzer Park und nicht weit von meiner Wohnung entfernt. Ich liebe die Atmosphäre dort. Jazz fand ich schon immer sehr inspirierend, aber die Musiker dort sind wahre Genies und reißen mich jedes Mal mit ins Jazz Wonderland, so dass ich nie merke, wie die Zeit vergeht. Schwups, ist es wieder drei Uhr und eigentlich auch wieder viel zu spät.
Deshalb heute Morgen der erste Weg direkt zu Cutie Pie in der Lausitzer Straße und schnell einen Kaffee auf die Hand, damit die Augen nicht gleich wieder zufallen.
Aber davon kann sowie so keine Rede sein, denn gleich an der Ecke zur Wiener Straße fahre ich durch die Reste einer, wohl wilden, Bierparty der letzten Nacht vor der Weißen Taube: Überall kaputte Flaschen. Das überlebt ein Fahrradreifen natürlich nicht so einfach und so bleibt mir nichts anders übrig, als mein Fahrrad zurück zur Regenbogenfabrik zu schieben und hinten in der Werkstatt einen neuen Reifen aufzuziehen. Schnell drei Euro in die Spendenbox und ab zur Arbeit. Der Kaffee ist mittlerweile auch kalt.
Mein Atelier liegt in einem Hinterhof in der Liegnitzer Straße. Dort ist es ruhig und total entspannend und außerdem gibt es gegenüber in der Trattoria Venezia die größte und beste Pizza der Stadt. Fast wie zu Hause!
Seit nunmehr zwei Jahren kann ich dort kreativ arbeiten. Die Nachbarn sind super cool. Manchmal grillen wir zusammen im Sommer auf dem Hof oder unten im Schlesischen Busch, direkt am Landwehrkanal.
Heute wartet schon Anna aus dem vierten Stock schon vor dem Atelier, um mir ihr neues Tattoo zu zeigen. Ein Hufeisen mit einer pinken 36. Das Hufeisen steht für Glück und die Zahl für Kreuzberg 36, schwärmt sie aufgeregt. Naja, manchmal muss Glück auch ein wenig weh tun, denke ich.
Aber es sieht wenigstens gut aus. Glück sei Dank!
Irgendwie verquatschen wir uns heute. Anna hat Stress mit ihrem neuen Freund Henry. Henry kommt aus Manchester, England. Und Henry liebt Bier, Fußball und seine Arbeit. Mit Bier und Fußball konkurriert Anna gern, schließlich hat sie auch ihre Qualitäten. Aber seine Arbeit ist dann doch eine Nummer zu viel. Das wäre völlig inakzeptabel, erklärt sie mir. Außerdem kenne sie ja seine Kolleginnen nicht und überhaupt wüßte sie nicht, was er wirklich so den ganzen Tag hindurch treibt. Naja, du musst ihm halt vertrauen, antworte ich halbherzig, sonst vergraulst du ihn am Ende noch. Männer haben doch nie Lust auf solchen Stress wie: Wo warst du? Was machst du? Wann kommst du? Auf W-Fragen antworten Männer nämlich gern mit einer W-Antwort: Was geht dich das an. Was soll das. Willst mich wohl etwa kontrollieren… Und am Ende blieben nur wieder gebrochene Herzen und schuldbewusste Einsichten à la: Hätte ich doch bloß…, Wäre ich nur…
Und das bringt doch niemandem etwas. Anna guckt mich forsch an und verkündet entschlossen, dass ich damit vollkommen Recht hätte. Dieses Mal werde alles anders. Hasta la victoria siempre und noch viel weiter!, ganz im Sinne vom großen Che. So oder so ähnlich. Übertreibst du jetzt nicht ein wenig, frage ich skeptisch. Ihre Antwort überhöre ich dann einfach provokativ, denn eigentlich weiß ich jetzt schon, dass sich spätestens in drei Wochen die vollgeheulten Taschentücher in meinem Atelier wieder stapeln werden.
Gehen wir heute Abend ins SO36 zur Live Band Karaoke Party? Och bitte? Anna bettelt wie ein kleines Kind nach Eis. Gut, wenn ich mit allem rechtzeitig fertig werde, gebe ich schließlich nach. Dass ich nur Lust hätte, weil es eine Gelegenheit wäre, Enrico wiederzutreffen, verschweige ich lieber. Allerdings bin ich mir jetzt nicht mehr sicher, ob mich diese Tatsache in meinem Entschluss bestärkt oder doch davon abhält. Na, wie gesagt, ich werde sehen, ob ich mit allem rechtzeitig fertig werde. Drei Montagen noch und außerdem müssten noch zwei Bilder gerahmt werden. Anna schielt mich an. Schon klar, bemerkt sie spitz. Dann bis später.
Seufzend setze ich mich auf den alten Drehstuhl, schaukle dabei etwas nach links und rechts und betrachte missmutig meine letzte Arbeit. Das Akryl spricht Bände. Was ich gestern noch als gelungen empfand, weckt nun mehr Ärger als Freude in mir. „Uns bleibt, was gut war und klar war. Dass man bei Dir immer durchsah. Und Liebe, Haß, doch nie Furcht sah…“ Ja, gute Ratschläge kann man immer erteilen, aber bei sich selbst anfangen? Das ist so schwierig! Deshalb Comandante Manuela, fasse ich eben den Entschluss heute Abend ins SO zu gehen. Der Freundschaft halber, der Liebe wegen und der Furcht zum Trotz. ¡Basta!
Dabei fällt mir meine Schwester wieder ein. Früher haben wir viel über die Liebe und Co. gesprochen. Oder besser philosophiert. Natürlich konnte uns niemand Antworten geben, aber unsere Fragen waren im Prinzip die Antworten auf alles. Bildeten wir uns zumindest ein. Aber diese Momente waren die schönsten. Wir fühlten uns unheimlich klug und lebendig. Es kommt mir vor, als wäre dies eine halbe Ewigkeit her.
Und schon wieder erwische ich mich dabei, wie ich anfange, die Tage mit meiner Schwester in Berlin penibel zu planen. Heimlich schreibe ich eine Liste mit Orten, die sie gesehen haben muss. Die auch mir viel bedeuten. Mein Radio schnurrt und erzählt von einer Buchlesung im Festsaal Kreuzberg. Eine bekannte, deutsche, junge Autorin liest Fetzen aus ihrem neuen Roman. Großstadtroman. Na, da könnte ich auch einiges erzählen. Stillschweigend setze ich das Datum auf meine Liste, um es nach zwei Sekunden wieder zu streichen. Meine Schwester spricht doch kein Deutsch. Soweit ich weiß. Obwohl, im Prinzip weiß ich wenig, was sie gerade macht oder gemacht hat. Oh Gott, fünf lange Jahre. Wieder schwirrt die Zahl überlebensgroß über meinem Kopf. Egal, schnell versuche ich mich abzulenken. Da fällt mir ein, dass ich nächste Woche meine C1 Deutsch-Prüfung habe. Um zehn Uhr. Der Termin kommt auf meine zweite Liste. Nicht vergessen! Glücklicherweise liegt die Sprachschule nicht weit von meiner Wohnung entfernt, so dass ich morgens nur aus dem Bett fallen muss. Bei PSP Sprachpunkt habe ich auch Sara kennengelernt. Zusammen haben wir dort Deutsch gelernt und sind einige Zeit durch dick und dünn miteinander gegangen. Sprachlich, gedanklich und vor allem bürokratisch. Gemeinsam haben wir gescherzt, dass sich das Land in Bundesbürokratische Republik Deutschland umbenennen sollte. Für alle Angelegenheiten gibt es immer ein Papier, welches man vorher ausfüllen muss. Sonst läuft nichts. Sogar für mein Atelier musste ich damals Papiere aus Italien anfordern, von denen ich selbst nicht einmal wußte, dass es sie gibt. Aber nach fünf Jahren habe ich mich so langsam daran gewöhnt. Anna meint, ich sei überdies in mancher Hinsicht deutscher als einige Deutsche, die sie kennt. Nur wegen meiner Listen. Und ich dachte immer die To-Do-Listen wären eine englische Erfindung.
Das ist ohnehin schwachsinnig, immer dieses typisch deutsch, typisch italienisch, typisch irgendwas. Ich mag das nicht. Zumindest nicht bei Menschen. Manchmal fühle ich mich so heimatlos wie ein streunender Hund. Und ich will mich nicht ständig rechtfertigen. Erst recht nicht für meine Listen. Sie sind ein Teil von mir, ob deutsch, italienisch oder weiß der Teufel was.
Die Zeit vergeht heute wie im Flug und glücklicherweise geht mir die Arbeit leicht von der Hand.
Das ist nicht immer so, vor allem, wenn der Kopf voll ist mit Gedanken. Aber heute sind sie eine Art Motor und Antrieb. Das freut mich und so verlasse ich nach 5 Stunden kreativen Schaffens zufrieden meine kleine aber feine Werkstatt.
Die Sonne scheint und wärmt mein Gesicht. So ist Berlin am schönsten. Der Himmel ist blau und klar. Nur ein paar kleine weiße Wolken schieben sich langsam über die Stadt, die so viele Träume hat. Ich telefoniere kurz mit Sara und frage, ob sie nicht heute Abend mitkommen möchte. Sie hätte Zahnschmerzen, aber wir müssten uns unbedingt mal wiedersehen. Es wäre schon so lange her. Sie hat Recht.
Die Sonnenstrahlen machen Lust auf mehr und plötzlich ist das Denken ganz leicht. Ich bin voller Vorfreude auf meine Schwester und kann den Tag kaum abwarten, sie wieder in meine Arme zu nehmen, egal was war und noch kommen wird. Vertrauen ist das Wort des Tages heute. Und so gehe ich auch geradeaus ins Raval, wo Enrico arbeitet. Ob wir uns heute Abend sehen würden, ist meine Frage. Im SO. Er müsse sicherlich bis ein Uhr arbeiten, meint er. Aber danach könnten wir noch ein Wein zusammen trinken. Einen neuen Spanischen, den ich unbedingt probieren müsste. Ich lächle. Wunderbar.
Wieder steige ich auf mein Fahrrad. Manuela Bianchini ist mein Name. Ich wohne in Berlin Kreuzberg. Für mich der beste Ort zum Leben, Arbeiten und Lieben…

Text: Kathrin Barrera Nicholson

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